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Legalisierung der Eizellspende in Deutschland – wann kommt sie?

  • 9 min read
Eizellspende verboten - warum? Wann kommt die Legalisierung

In Deutschland ist die Eizellspende immer noch verboten. Damit ist Deutschland so ziemlich das einzige Land in Westeuropa, wo diese Kinderwunschbehandlung noch nicht möglich ist. Dieses Verbot hat folgenreiche Konsequenzen für betroffene Frauen, Familien und Kindern nach Eizellspende im Ausland sowie für deutsche Ärzt:innen. Das zumindest zeigt meine soziologischen Studie an der University of Cambridge zu den Folgen des deutschen Eizellspendenverbots. 2016-2021 habe ich über hundert Interviews/Gespräche mit deutschen Frauen bzw. Familien vor und nach Eizellspende sowie mit Experten aus den Bereichen Medizin, Recht, Politik, Ethik und Psychologie im In- und Ausland geführt. Die Studie wird 2022 publiziert.


Wo sind die Stimmen der Familien und Kinder nach Eizellspende, die Stimmen der Spenderinnen?

Bis zu diesem Tage hat keine politische Debatte zur Eizellspende in Deutschland auch die Stimmen der Betroffenen miteinbezogen — das ist mehr als problematisch. Zwar wurde die Eizellspende in den 1980iger Jahren in Westdeutschland diskutiert und auch bei einer Anhörung zum Eizellspendenverbot im Bundestag in 2021. Doch in keinem der Fälle wurden Betroffene um ihre Meinung gebeten.

Es gibt heute sicherlich über 60,000 Familien nach Eizellspende in Deutschland, und doch werden immer nur Sachverständige und Experten um Meinung gebeten. Wo sind die Stimmen der Eizellspendenfamilien, wo sind die Stimmen der Frauen in Deutschland, die z.B. nach Krebstherapie, mit Turner Syndrom oder frühzeitigen Wechseljahren aus medizinischen Gründen für den Kinderwunsch auf gespendete Eizellen angewiesen sind? Wo sind die aktuellen Studien meiner Kollegen, die im direkten Kontakt mit Spenderinnen sind und diesen eine Stimme geben? Wo sind die internationalen Studien, die zeigen, dass es Kindern in Eizellspendenfamilien gut geht?

Man redet nur über sie, nicht mit ihnen

Viele betroffene Wunscheltern und auch Familien nach Eizellspende waren erbost darüber, als man Anfang 2021 Experten und Sachverständige in den Bundestag einlud, um über das Eizellverbot zu diskutieren. Aber man lud nicht die Stimmen von Betroffenen oder Spenderinnen mitein! Man sprach nur über sie, nicht mit ihnen. Wie kann das sein? Stattdessen bezieht man sich oftmals auf veraltete Studien und überholte Argumente. Um den Stimmen von deutschen Eizellspendenfamilien ein Sprachrohr zu geben, habe ich 2016-2021 im Rahmen meiner soziologischen Studie viele von diesen deutschen Familien vor und nach Eizellspende begleitet und ihre Reisen ins Ausland dokumentiert. Ich hoffe, dass ihre Erfahrungen bei der nächsten Debatte zur Eizellspende endlich miteinbezogen werden.

Das FE-Netz ist ein Zusammenschluss von Familien nach Eizellspende und sollte beispielsweise unbedingt bei einer Anhörung eingeladen werden, genau wie BKiD. Es gibt auch eine Petition, um die Debatte vom Bundestag neu anstoßen zu lassen, https://www.openpetition.de/petition/online/legalisierung-der-eizellspende-in-deutschland

Die Eizellspende legalisieren — für das Kindeswohl

Statt die Eizellspende zu verbieten, sollte sie lieber gut geregelt werden! Damit Wunscheltern gut informierte Entscheidungen treffen können; damit Wunscheltern Unterstützung bei der Aufklärung bekommen; damit Kinder nach Eizellspende auf Wunsch später ihre genetischen Wurzeln finden können. All das ist aufgrund des Verbots nicht gegeben — somit ist das Verbot dem Kindeswohl abträglich, statt dem Kindeswohl zu dienen.

„Statt die Eizellspende zu verbieten, sollte sie lieber gut geregelt werden! Damit Wunscheltern gut informierte Entscheidungen treffen können; damit Wunscheltern Unterstützung bei der Aufklärung bekommen; damit Kinder nach Eizellspende auf Wunsch später ihre genetischen Wurzeln finden können. All das ist aufgrund des Verbots nicht gegeben — somit ist das Verbot dem Kindeswohl abträglich, statt dem Kindeswohl zu dienen.

Dr. Yvonne Frankfurth
Soziologin, Expertin zur Eizellspende, Cambridge


Die Folgen von dem daraus resultierenden fehlenden Informationsangebot zur Eizellspende im Ausland sind vielfältig. In meiner Studie gab es bspw. eine Zahl von Eltern, die es im Nachgang bereut haben, in ein Land mit anonymer Eizellspenderin zu reisen. Sie wussten nicht, dass es auch die Möglichkeit einer offenen Spende gibt. Warum? Sie konnten keine Information dazu finden. Denn in Deutschland gibt es kaum Ärzte oder Kinderwunschberater, die bereit sind, zur Eizellspende zu beraten und damit das Risiko in Kauf zu nehmen, strafrechtlich verfolgt zu werden. Viele kennen sich aufgrund des Verbots auch einfach nicht mit den Optionen im Ausland aus. Somit stellen Informationen im Internet — meistens von ausländischen Zentren — die Hauptinformationsquelle für diese Frauen bzw. Paaren dar.

Strafrechtliche Folgen wegen des Verbots der Eizellspende

Es gab in den letzten 20 Jahren in Deutschland mehrere Fälle, in denen Ärzt:innen sowie Sozialpädagog:innen, in ihrer Tätigkeit als Kinderwunschberater:innen vor einem Strafgericht erscheinen mussten. Dort werden sonst Hochkriminelle wegen sexualen Straftaten, Raubüberfällen und Morden verurteilt. Warum? Weil ihnen vorgeworfen wurde, gegen das Eizellspendenverbot verstoßen zu haben, als sie Wunscheltern von der Option erzählt haben, im Ausland mithilfe einer Eizellspende schwanger zu werden. Manche dieser Patientinnen waren 30 Jahre alt, hatten verfrühte Wechseljahre oder das Turner-Syndrom, und daher keine eigenen Eizellen. Die Eizellspende gab ihnen die Möglichkeit mit der gespendeten Eizelle einer anderen Frau, schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen. Doch da es aufgrund des Verbots in Deutschland kaum neutrale Informationen dazu gibt, wollte diese Frauen Hilfe bei einer Kinderwunschberater:innen suchen, um sich neutral zu informieren.

Dass manche dieser Kinderwunscherater:innen wegen ihrer Aufklärungsarbeit zur Eizellspende strafrechtlich verfolgt wurden, zeigt uns, wie dringlich es ist, das deutsche Verbot zu diskutieren und zu überarbeiten. Denn ohne dieses Informationsangebot sind Frauen und Paare auf Inhalte bei Google und Websiten von ausländischen Kliniken angewiesen. Und diese sind oft alles andere als neutral. Sie klären oft nicht angemessen zu langfristig relevanten Punkten wie der Unterscheidung zwischen offener und anonymer Spende auf.

Die Folgen des Eizellspendenverbots: Informationsmangel und Entscheidungen, die bereut werden

Den Mangel an Informationen zur Eizellspende beklagen alle. Hauptsächlich sind Informationen von ausländischen Zentren im Internet zu finden. Es fehlt an neutralen Informationen und Beratungsstellen. Das war auch das Ziel meiner Studie und dieser Website: aufklären zu können, damit Wunscheltern informiert Entscheidungen treffen können. Denn Entscheidungen ohne ausführliche Informationen werden manchmal bereut. Die langfristigen Folgen von der Entscheidung zwischen offener und anonymer Spende sind vielen Wunscheltern nicht bewusst, woher auch. Nur wenige Länder erfordern es, dass Wunscheltern ein psychologisches oder informatives Aufklärungsgespräch vor einer Eizellspende durchführen. Zum Beispiel ist der Punkt der anonymen Spende schon häufiger etwas, das Paare nach der Geburt, manchmal auch viele Jahre danach erst, anfangen zu bereuen. Die Frauen und Paare, die eine anonyme Eizellspende im Ausland in Anspruch nehmen, können ihrem Kind nicht die Möglichkeit geben zu erfahren, wer die Spenderin war. Diese anonyme Spende kollidiert unter anderem direkt mit dem deutschen Recht des Kindes, seine genetische Abstammung zu erfahren. Würde die Eizellspende in Deutschland erlaubt werden, könnte man die Spende offen gestalten. Somit könnte das Kind im Erwachsenenalter seine genetische Herkunft erfahren, insofern es das wünscht.

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Eizellspende erlauben und Frauen, die ihre Eizellspenden spenden schützen — geht das?

Es gibt in Westeuropa viele Beispiele von Ländern, die die Eizellspende gesetzlich so gestaltet haben, dass die Rechte und Gesundheit der daran beteiligten Akteure geschützt werden, auch die der Spenderinnen.

Die meisten Länder in Westeuropa erlauben beispielsweise nur eine altruistische Spende; das heißt, es ist nicht gestattet, Eizellspenderinnen für ihre Eizellen zu bezahlen. Erlaubt ist aber eine Aufwandsentschädigung, die gezahlt wird, um den Transport, Anreisekosten und Arbeitsausfall auszugleichen. Eine Kollegin von mir (Katie Hammond) hat die Erfahrungen von Eizellspenderinnen in Kanada dokumentiert. Die Frauen, die spenden, müssen ja mehrmals in das Kinderwunschzentrum anreisen; dort werden Ultraschalle gemacht, Blut abgenommen und am Ende vom Prozess die Eizellen entnommen. Das ist ein ziemlicher Aufwand, wenn man nebenbei Vollzeit arbeitet. Meine Kollegin hat auch mitbekommen, dass viele Frauen, die spenden, am Ende sogar auf Kosten sitzen geblieben sind: Die Anfahrtskosten und der Arbeitsausfall wurden mit der Entschädigung gar nicht gedeckt.

Das ist natürlich hochproblematisch: Man spendet und hat dann zusätzlich Kosten. Die Debatte dreht sich ja oft, darum, dass man denkt, Frauen würden spenden, um damit Geld zu verdienen. Tatsache ist jedoch, dass die Entschädigungshöhen, die in vielen westeuropäischen Ländern gezahlt werden, eben oft gerade oder eben noch nicht mal den Aufwand entschädigen. Es muss also sichergestellt werden, dass eine Aufwandsentschädigung in einer Höhe festgelegt wird, die tatsächlich auch die Kosten einer Eizellspenderin komplett übernimmt. Das wäre auch bei einer Legalisierung der Eizellspende in Deutschland zu beachten.

Legalisierung der Eizellspende: Wie könnte man sie sinnvoll regeln?

Das Verbot der Eizellspende kann man durchaus als eine Bevormundung der Frau durch Dritte sehen. Wieso wird der Frau nicht zugetraut, selbst eine informierte Entscheidung innerhalb gut reglementierter Rahmenbedingungen zu treffen? Man könnte einen Rahmen schaffen, wie es zum Beispiel in den Vereinigten Königreich der Fall ist, um die Eizellspende auch hierzulande mit strengen Regeln zu legalisieren. Dort wird z.B. mithilfe eines detaillierten Informationsangebots und psychologischen Gesprächs sichergestellt, dass Empfängerin und Spenderin im Detail wissen, was die Spende bedeutet (psychologisch, körperlich, medizinisch etc). Danach können die Frauen eine informierte Entscheidung darüber treffen, ob sie gespendete Eizellen an Anspruch nehmen bzw. für eine andere Frau Eizellen spenden wollen. Wichtig ist ferner, dass eine angemessene Aufwandsentschädigung festgelegt wird. Diese muss hoch genug sein, um die Kosten für die Spenderin zu decken. Gleichzeitig muss die Entschädigung gering genug, sein, damit einer Kommerzialisierung der Eizellspende vorbeugt wird.

Es gibt im Internet kaum neutrale Informationen zur Eizellspende oder zu Kinderwunschbehandlungen im Ausland. Um dem entgegenzuwirken biete ich vereinzelt Webinare und individuelle Informationsgespräche an. Gern informiere ich zu aktuellen Studienerkenntnissen bei Themen wie: „Wie entscheidet man sich: Welches Land, welche Klinik?“, „Wie geht es den Kindern, die mithilfe einer Eizellspende gezeugt wurden?“. Bei öffentlichen Veranstaltungen findet man mich regelmäßig; ich trage außerdem regelmäßig zu öffentlichen Beiträgen mit Interviews bei, wie zum Beispiel zuletzt in der ZEIT. Hier erschien mit mir als Expertin zur Eizellspende ein fantastischer Artikel aus Sicht der Spenderinnen.

Autorin: Dr. Yvonne Frankfurth, Affiliate ReproSoc/ University of Cambridge und Gründerin der Informationsplattform www.es-klappt-nicht.de. 2015.

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